Für Viele Christus geworden


Frage: Wie ist die Idee dazu entstanden?
Martin Ramb: Als ich davon hörte, dass Pater Richard Henkes seliggesprochen werden soll, war mir ziemlich schnell klar, dass wir einen Märtyrer der NS-Zeit unbedingt in einer unverbrauchten Sprache den Menschen von heute, vor allem auch der jungen Generation, näherbringen müssen. Seine bewegende Geschichte als Graphic Documentary zu erzählen, war mir dann schnell plausibel, zumal wir über unser Magazin „Eulenfisch“ schon sehr gute Erfahrungen mit diesem modernen Medium gemacht haben. Über die stark vom Bild kommende Darstellung lässt sich gerade auch für junge Menschen die Zeit des Nationalsozialismus und der kirchliche Widerstand von Einzelnen beispielhaft am Pallottinerpater Richard Henkes sehr anschaulich und emotional berührend thematisieren.
Warum ausgerechnet eine Graphic Documentary? Was ist das eigentlich genau - in einem Satz?
Ramb: Eine Graphic Documentary ist eine Unterform der literarischen Gattung einer Graphic Novel, die schon lange nicht mehr mit einem „Comic“ verglichen wird. Sie ist eine eigenständige Literaturform, die die Möglichkeiten ihr verwandter Textsorten, die Text und Bild kombinieren, entscheidend erweitert und dadurch eine besondere Komplexität und Tiefe gewinnt. Sie ist einer illustrierten Erzählung ähnlich, eine Art literarischer Hybrid. Zudem werden Graphic Novels längst nicht mehr nur mit Unterhaltung gleichgesetzt. Es werden u.a. ernste, schwierige und gesellschaftlich relevante Geschehnisse thematisiert und dokumentiert. Ich denke da z. B. an eine Graphic Novel über Anne Frank oder Rosa Luxemburg. So auch bei Richard Henkes: Es ist eine dokumentarische „Illustration“ - eine Graphic Documentary -, die sich an den historischen Fakten orientiert und überlieferte Quellen einbezieht. Das erklärt vermutlich, warum bei jungen und erwachsenen Lesern dieses literarische Format immer beliebter wird.
Wie sind Sie auf den Künstler gekommen?
Ramb: Die Autoren Alexandra Kardinar und Volker Schlecht, die sich den Künstlernamen „DrushbaPankow“ gegeben haben, sind keine Unbekannten in der enorm kreativen Szene der Illustratoren, von denen viele ihr Atelier in Berlin haben, wie auch DrushbaPankow. Bei haben schon für die Wochenzeitung Die Zeit, das Musikmagazin Rolling Stone oder die Büchergilde Gutenberg gearbeitet. Unser Limburger Magazin „Eulenfisch“ hatte sich im Jahr der Barmherzigkeit das Cover zu den sieben Werken der Barmherzigkeit von ihnen entwerfen lassen. Seitdem stehen wir in Kontakt mit beiden. Unklar war zunächst, ob die Illustratoren sich auch an das nicht einfache Thema eines katholischen Märtyers trauen, das setzt ja auch eine starke Auseinandersetzung mit Richard Henkes voraus. Bevor wir den Auftrag vergeben haben, hat sich daher der Pallottinerpater Hubert Lenz mit Volker Schlecht in Berlin getroffen, um mit ihm über Richard Henkes zu sprechen. So ein Projekt macht man nicht mal nebenbei, zumal es über mehrere Monate geht. Alexandra Kardinar und Volker Schlecht haben sich dann auf unsere Idee eingelassen.
Wer hat das Gerüst der Geschichte entworfen?
Ramb: In unserem Fall stammen das so genannte Storyboard und die Illustrationen aus der Hand von Volker Schlecht. Er hat sich zunächst in die Biographie von Pater Henkes und die Zeitumstände intensiv eingearbeitet und dann das Konzept, vor allem den Einstieg in die Graphic Documentary, mit uns besprochen. Die Kolorierungen stammen aus der Hand von Alexandra Kardinar. Aufhänger für die Rahmenhandlung stellt der erste Auschwitzprozess von 1963 bis 1965 dar. Die fiktionalen Figuren des Erzählers und seiner Frau, die auf einer beeidigten Zeugenaussage beruhen, leiten in die Handlung ein, die im Konzentrationslager Dachau spielt. Von dort aus wird in Rückblenden das Leben und Wirken von Pater Richard Henkes eindrucksvoll dem Leser vorgestellt. Wir waren sehr von der Ernsthaftigkeit beeindruckt, wie Volker Schlecht sich in die Thematik eingearbeitet hat.
Was ist das Bewegende am Glaubenszeugnis Henkes?
Ramb: Für mich ist Richard Henkes ein stiller Revolutionär der Barmherzigkeit, der durch seinen freiwilligen Krankendienst in Dachau vielen Typhuskranken zu Christus wurde, weil er bis in die letzte Konsequenz für sie da war. Er hat durch sein Zeugnis im KZ Dachau ein Stück Menschlichkeit verteidigt. Gleichzeitig steht Richard Henkes auch dafür, dass große Weltgeschichte am Ende immer ganz konkret ist und ein Gesicht besitzt. Henkes hat beeindruckend gezeigt, dass jeder und jede in der Zeit des Naziterrors auch anders hätte handeln können.
Oder um es mit den Worten von Henkes zu sagen: „Ich habe ja oft genug vom Opferweg gesprochen und werde wohl den Mut haben, auszuführen, was ich andern gesagt.“ Richard Henkes ist ein leuchtendes Vorbild für uns alle, denn er ließ seinen Worten bis in letzter Konsequenz Taten folgen. Das stellt auch in der Gegenwart eine Herausforderung dar. Umso wichtiger ist es, dass uns Menschen wie Henkes daran erinnern.
Wie haben die Künstler das umgesetzt?
Ramb: Davon sollte sich natürlich jeder selbst ein Bild machen. Nur so viel: Die Künstler haben sich in ihrer künstlerischen Umsetzung insbesondere auf die letzte Lebensphase von Richard Henkes im KZ Dachau konzentriert und haben dabei eine wirklich kluge Rahmenhandlung entwickelt, die es uns erlaubt, in die Geschichte hineinzukommen. In den Rückblenden, die sich aus dem Gespräch des fiktiven Erzählers und Richard Henkes entwickeln, erhält der Leser einen Einblick in verschiedene Lebensabschnitte des Pallottinerpater: die Pflege des kranken Mitbruders Franz Xaver Salzhuber, der Soldat Henkes während des Ersten Weltkriegs, seine Krisenzeit im Priesterseminar, sein Wirken in Frankenstein und Branitz, die Verhaftung und schließlich die Zeit im Konzentrationslager Dachau bis zu seinem Tod.
Wo gibt es die Graphic Documentary?
Ramb: Sie kann über den Verlag des Bischöflichen Ordinariats, aber auch im Buchhandel im Pallotti Verlag bestellt werden. Des Weiteren sind derzeit eine Schülerausgabe der Graphic Documentary mit ergänzenden Texten in Erarbeitung sowie Material für den unterrichtlichen Einsatz in der Sekundarstufe. Das wird voraussichtlich im Herbst ebenfalls im Pallotti Verlag erscheinen.